Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums e.V.

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Berichte chronologisch

April 2004: Ausstellung: Klein aber fein. Puppen aus Afrika

Von Februar bis April 2004 widmete sich das Ägyptische Museum in Berlin mit einer kleinen Ausstellung dem Thema 'Ritual oder Spiel? Puppen aus Afrika und Ägypten'

Die Idee zu dieser Ausstellung entstand bei einer Begegnung des Museumsdirektors Dietrich Wildung mit dem Schweizer Ehepaar Udo und Wally Horstmann, das weltweit eine der erlesensten und umfangreichsten Sammlungen afrikanischer Puppen sein Eigen nennt. Als Ägyptologe, der sich auch jenseits der geographischen Begrenzungen seines Faches bewegt, war Dietrich Wildung von den formalen Analogien zwischen den Puppen einiger Völker Schwarzafrikas und denen verschiedener Epochen Altägyptens fasziniert und beschloss spontan, Beispiele aus beiden Bereichen gemeinsam zu präsentieren. ln einer provozierenden Kontrontation über Raum und Zeit hinweg sollen den Besuchern des Ägyptischen Museums ungewohnte und überraschende Einblicke in die Vielfalt afrikanischen Kunst- und Kulturschaffens geboten werden: Als Zeugnisse des Weltbildes von Kulturen auf der ganzen Wlt lässt sich. die Geschichte der Puppen über viele Jahrtausende bis in unsere heutige Zeit verfolgen.

Sie waren und sind in allen Kulturen und allen sozialen Schichten fester Bestandteil des täglichen Lebens, vor allem der Mädchen.

Puppen aus Afrika bezaubern durch eine außerordentliche Fülle an Formen und Materialien. Die liebevolle Gestaltung der einzelnen Exponate zeugt von der immensen Kreativität ihrer Schöpfer und lässt die innige Zuwendung, die den Puppen seitens ihrer Eigentümerinnen widerfuhr, spüren. In einem meisterhaften und phantasiereichen Umgang mit so unterschiedlichen Materialien wie Holz, Knochen, Kürbissen, Pflanzenfasern, Ton, Stoff, Wachs, Draht oder Perlen wurden wahre Kunstwerke geschaffen, deren Aussehen von naturalistischen Formen bis hin zu unübertroffener Abstraktion variiert. In der Regel von Erwachsenen, manchmal aber auch von den Kindern selbst angefertigt, lassen sich die Puppen in zwei Kategorien einteilen - solche zum Spielen und solche, die in einen rituellen Kontext, zumeist Fruchtbarkeitsriten, eingebunden sind. Die Grenzen zwischen Spielzeug und Ritualobjekt sind jedoch oftmals fließend, so dass ein- und dieselbe Puppe beide Funktionen ausüben oder aber sich unter bestimmten Bedingungen ein Bedeutungswandel vollziehen kann: Bei einigen Völkern Südafukas können Puppen beispielsweise nur dann in rituellen Kontexten verwendet werden, wenn sie vorher als Spielzeug dienten.

Von weitaus größerer Bedeutung sind jedoch die Puppen des rituellen Kontextes, denn sie stellen ein Medium zwischen den Lebenden und den übernatürlichenKräften dar, die die menschliche Fruchtbarkeit nachhaltig beeinflussen können. Sie dienen nicht mehr nur zum Spielen allein, sondern sollen die weibliche Fruchtbarkeit stimulieren und zugleich die Pflichten des Mutterseins vermitteln.

Daher sind Fruchtbarkeitspuppen in Afrika weit verbreitet und werden von heranwachsenden Mädchen getragen, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer eigenen Mutterschaft näher rückt. Denn Kinder sind die Garanten einer ununterbrochenen Abfolge der Generationen, und durch Opfer und Ehrungen ermöglichen sie es den Verstorbenen, in die Welt der Ahnen einzutreten. In afrikanischen Puppen spiegeln sich auf faszinierende Weise somit nicht nur Ästhetik, Kreativität und oftmals hohes künstlerisches Können, sondern auch religiöse Traditionen.

Die funktionale Ambivalenz der afrikanischen Puppen fmdet sich im alten Ägypten vorgeprägt - wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. In der Ägyptologie geht es darum, neben ihrer dominant erscheinenden rituellen Zweckbestimmung die Puppen auch als Spielzeug zu erkennen. Dieser Aspekt ist bislang von der Forschung kaum berücksichtigt worden.

Die Nebeneinanderstellung der afrikanischen und altägyptischen Puppen in der kleinen Präsentation, die sich in Berlin in die Dauerausstellung integrieren wird, könnte Ansatzpunkte für ein erweitertes Verständnis liefern.

Die Ausstellung wird ab Mai 2004 auch im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München zu sehen sein.

Christine Stelzig
(Artikel der Mitgliederzeitschrift aMun)

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