Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums e.V.

Naga - Grabungsprojekt

   
Am 1. Dezember 2006 gab es ein Fest in der Wüste. Nach zweitausend Jahren wurde der Amun-Tempel in Naga ein zweites Mal eingeweiht, diesmal nicht vom meroitischen König Natakamani und der Kandake Amanitore, sondern vom sudanesischen Minister für Kultur, Jugend und Sport und vom deutschen Botschafter in Khartum. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin waren anwesend, ebenso der Generalsekretär der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Ägyptischen Museums Berlin; denn der Amun-Tempel in Naga verdankt seine Wiederauferstehung der von der DFG und vom Museumsverein finanzierten Arbeit eines Archäologenteams des Ägyptischen Museums Berlin.
 
Seit 1995 gräbt die international besetzte Berliner Expedition in Naga, einer der Königsstädte des Reiches von Meroe, die erstmals im späten 3. Jahrhundert v. Chr. belegt ist und ein halbes Jahrtausend lang weitab vom Nil für die Nomaden der Steppe ein politisches, religiöses und wirtschaftliches Zentrum war.
 
Berlin in Naga: Das hat Methode, denn nach der Entdeckung der antiken Stadt durch die Franzosen LINANT DE BELLEFONDS und CAILLIAUD im Jahr 1822 war es KARL RICHARD LEPSIUS, der mit der preußischen Expedition 1844 die erste wissenschaftlich exakte Dokumentation der Ruinen von Naga erstellte. Genau 150 Jahre später erhielt das Ägyptische Museum Berlin die Grabungslizenz der "National Corporation for Antiquities and Museums". Nichts hatte sich in Naga seit LEPSIUS' Zeiten verändert, und so bot sich dem Berliner Team die Chance, seine Arbeit in einem unberührten antiken Stadtareal von einem Quadratkilometer Fläche behutsam und nach den Regeln moderner Archäologie und Denkmalpflege zu beginnen.
 
 
Die Versuchung, gleichzeitig an den zahlreichen Ruinenhügeln von Tempeln und Palästen und an den Tumuli der die Stadt umgebenden Nekropolen Sondagen anzulegen, war groß, aber die wissenschaftliche Selbstdisziplin siegte. Die strikte Konzentration auf einen Oberflächensurvey des Stadtareals und die Ausgrabung des Amun-Tempels resultierte in einem Gesamtplan der Stadt, der die Grundlage für die Grabungen der nächsten Jahrzehnte bilden wird, und in der Wiedergewinnung des größten Heiligtums der Stadt.
 
 
 
 
Der Amun-Tempel, auf einer künstlich angelegten Terrasse am Fuß des markanten Gebel Naga gelegen, überstrahlte mit seinen weiß getünchten Außenmauern weithin sichtbar die Stadt. Zwölf Widder bilden - unterbrochen von einer Stationskapelle - eine monumentale Zugangsallee (wir nennen sie manchmal Klein-Karnak). Sie waren allesamt mit ihren Podesten umgestürzt und teilweise völlig verschüttet oder vom Flugsand zugeweht, sind aber vollzählig erhalten geblieben, so daß die Widderallee in ihrem originalen Erscheinungsbild wieder aufgebaut werden konnte.
 
Das Hypostyl hinter dem 21 m breiten und fast 10 m hohen Ziegelpylon (nur das Sandsteinportal mit seinen Reliefs und Inschriften ist erhalten geblieben) war zu Beginn unserer Grabung ein fast leerer Raum. Eine der acht Säulen hatte die Zeit überdauert; ihre Reliefs und meroitischen Inschriften sind in LEPSIUS' "Denkmäler[n] aus Ägypten und Äthiopien" publiziert. Fünf weitere Säulen, im Lauf der Grabung freigelegt, stehen heute wieder aufrecht. Das Berliner Restauratorenteam "Restaurierung am Oberbaum", mit dem wir seit Jahren beim Wiederaufbau des Neuen Museums zusammenarbeiten und das u. a. die Reliefs aus dem Pyramidentempel des Sahure und die Mastabas des Metjen, Merib und Manofer für die Präsentation im Neuen Museum vorbereitet haben, hat hier vorbildliche Arbeit geleistet, indem auf Rekonstruktion verzichtet und nur authentischer Bestand restauriert wurde.
 
Beim Fest am 1. Dezember 2006 gingen die Gäste auf dem antiken Sandsteinpflaster bis ins Sanktuar, dessen völlig intakter Altar allerdings derzeit auf Ausstellungstournee in Europa unterwegs ist. Der im Nordhof entdeckte einzigartig bemalte Altar ist zur Zeit zum Schutz eingesandet. Die innen und außen mit Reliefs und Inschriften versehene rückwärtige Mauer des Sanktuars, schon in der Antike umgestürzt, wird allerdings Block für Block im Lapidarium hinter dem Tempel liegen bleiben, um erst in den kommenden Kampagnen wieder aufgerichtet zu werden.
 
Zum Abschluß der Arbeiten am Amun-Tempel wurden 2004 die unscheinbaren Reste eines kleinen Nebentempels (Naga 200) gereinigt und dokumentiert. Was als archäologische Pflichtübung begann, entwickelte sich alsbald zu einer Grabung, die uns bis 2009 beschäftigte. Bis zu 1,50 m stehen die reliefierten Wände noch aufrecht, und die verstürzten Blöcke der Tempelmauern und des Pylons tragen Reliefs, die ikonographisch, stilistisch und epigraphisch viele Überraschungen bereithalten. Aus den über 1600 Relieffragmenten (Stand 2008) kann das Bildprogramm des Tempels rekonstruiert werden, das enge Parallelen zum Löwentempel von Naga aufweist. Die Inschriften nennen die Namen des Bauherrn, des meroitischen Königs Amanikharekerem. Bislang ins 2./3. Jahrhundert n. Chr. datiert, gehört dieser König nach Ausweis der Reliefs des Tempels Naga 200 in die unmittelbare Nachbarschaft von Natakamani, der den Löwentempel und den Amun-Tempel von Naga erbaute und um die Zeitenwende regiert hat. Die Chronologie der meroitischen Könige ist also gründlich in Unordnung geraten.
 
Dank der Unterstützung durch den Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums Berlin konnte im Herbst 2005 ein neues Teilprojekt begonnen werden: die Restaurierung des außergewöhnlichsten Architekturdenkmals des antiken Sudan, des sogenannten "Römischen Kiosks von Naga". In seiner Verbindung ägyptischer, meroitischer und hellenistischer Form- und Stilelemente ist dieses Bauwerk das repräsentativste Zeugnis der Rolle der meroitischen Kultur als Brücke zwischen der Welt des Mittelmeers und Afrika. Schon 2004 war bei Sondagen die Funktion der Kapelle als Heiligtum der Göttin Hathor festgestellt worden; nicht nur dadurch, sondern auch durch die von CLAUDE RILLY ermittelte Datierung einer Inschrift in der Kapelle ins 1. Jahrhundert n. Chr. ist die traditionelle Bezeichnung des Bauwerks in "Hathor-Kapelle" korrigiert worden.
 
Die Bauaufnahme des höchst detailreich dekorierten Bauwerks wurde mit modernster Technik erstellt, mit einem Streifenlicht-Scanner, aus dessen Daten exakte Zeichnungen, aber auch dreidimensionale Darstellungen und Modelle der Architektur erstellt werden können (siehe unten, 3D-Ansicht Hathor-Kapelle/Kiosk). Die Konsolidierung der vom Einsturz bedrohten Ruine ist die Voraussetzung ihrer vollständigen Freilegung, durch die das Bauwerk seine ursprünglichen schlanken Proportionen zurückerhalten wird. Für die Geschichte der antiken Architektur liegt die Bedeutung dieses kleinen Tempels darin, daß er den südlichsten Beleg hellenistischen Einflusses im Niltal darstellt - ein Monument eines antiken Nord-Süd-Dialogs gewissermaßen.
© Bauer Praus GbR, Gundelfinger Straße 43 A, 10318 Berlin, Germany

 

Am Ende der bis 2009 von der DFG finanzierten Grabungen soll die Errichtung eines lokalen Museums stehen, in dem die Funde der Berliner Grabungen vor Ort gezeigt werden.
 
Laufende Berichterstattung über die Grabungen in Naga findet sich in "aMun", dem Magazin für die Freunde der Ägyptischen Museen, das die Mitglieder der Fördervereine der Museen in Berlin, Hildesheim, Leipzig und München viermal jährlich erhalten.

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